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ZEITung FÜR HEIMAT

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Geschichten aus dem Unbezahlbarland, Liebe Leserinnen und Leser, sind Sie Frühaufsteher? Wenn ja, dann haben Sie hier im Unbezahlbarland die Chance, morgens als erste Menschen in Deutschland die Sonne zu sehen. Das mag für viele Außenstehende einzigartig klingen. Für uns ist es selbstverständlich.

15Grad-OstBlog

15Grad-OstBlog ZEITung FÜR HEIMAT ZEITung FÜR HEIMAT 22 23 15Grad-OstBlog Tag 6: Produktionsgenossenschaft Rosenhain Mike ist 21 Jahre alt, das Gesicht braungebrannt, die Zähne perlweiß. Neben ihm sein 270 PS Monster im Wert von 270.000 €. Die Meisten arbeiten ein Leben lang, und werden es sich doch nie leisten können, ein Fahrzeug dieser Preisklasse zu fahren. Der junge Landwirt steigt die paar Stufen hoch und nimmt auf seinem „Ferrari der Landwirtschaft“ Platz. „Ist doch geil, während alle im Freibad aufeinander hocken wie die Ölsardinen, habe ich das Land für mich alleine“, brüllt Mike über den Motorenlärm zu mir herunter, gibt Gas und wird eins mit dem Hitzeflimmern über dem Grünland. Tag 7-Vormittag: DWT Zelte Niesky Der DWT-Chef, Claus Winneknecht, nimmt uns persönlich mit in die Näherei. Ich sehe nur Frauen an den Maschinen, mittendrin sitzt ein Mann. Ejad Al Hajabd, 39 Jahre, Vater von vier Kindern, Schneider aus Damaskus, mit dem Schlauchboot über das Mittelmeer 2015 nach Deutschland geflohen. Bescheiden und höflich gibt er mir Auskunft. Vor mir sitzt ein Mann, der in nur sechs Monaten Deutsch gelernt, sich einen Job gesucht hat und eine 5-köpfige Familie damit ernährt. Ich habe keine weiteren Fragen. Wenn man will oder muss, kann man alles erreichen. Tag 7-Nachmittag: ULT AG Löbau Die Jakschik-Brüder führen das Unternehmen des Vaters, die ULT AG in Löbau. Der Jüngere, Alexander, sitzt mir gegenüber. Jung genug, um die Denke der Jugend zu verstehen, und alt genug, um seriös ein Unternehmen zu führen. Der 39-Jährige hat Wirtschaftsingenieurswesen in Dresden studiert, in Indonesien und Australien gearbeitet und ist 2015 ins Unternehmen eingestiegen. Er sagt, dass es ihm anfangs nicht leichtgefallen sei, wieder in die ländliche Region zurückzukommen. Aber er beobachte bei vielen Bekannten den Trend, in der alten Heimat sesshaft zu werden. Keine Staus, bezahlbarer Wohnraum, sagenhafte Natur – die Vorteile liegen auf der Hand. Tag 8: Lost Place – das Freisebad Görlitz Es ist kurz nach Zwölf in der ehemaligen Wasserheil-und Badeanstalt von Walter Freise aus dem Jahr 1887. Die Uhr der großen Schwimmhalle ist stehen geblieben. Von den Wänden blättert der Putz, in den alten Holzschränken der Umkleiden rosten Drahtkleiderbügel, Spinnweben hängen wie Fäden von den Decken. Das große Schwimmbecken liegt leer vor uns. Ich kann mir bildlich vorstellen, wie hier die Menschen 1887 gebadet und geduscht haben. Wie sich die Damen im geflüsterten Ton auf der Empore auf den unbequemen Holzbänken unterhielten. Wie Kinder durch die engen Gänge tobten. Früher waren Badeanstalten dazu da, um die tägliche Körperhygiene durchzuführen. Unvorstellbar im Jahr 2021. Aber genau dieses Undenkbare spüre ich im Innern des Freisebads. Tag 9: Erlichthofsiedlung Rietschen Susanne vertont rund zwei Tonnen Material pro Jahr, alles in Handarbeit, alles alleine, und verkauft es im kleinen Lädchen nebenan. In sich versunken und zufrieden sieht sie aus, wie sie hinter ihrem Drehteller sitzt. Direkt neben den Schrotholzhäusern schimmert der Erlichthof-Teich. Hier ist richtig Alarm. Es müssen Hunderte Frösche sein, Libellen tanzen über das Wasser und Wasserflöhe flitzen über die Oberfläche. „Exakt 400 Fische sind im See“, erklärt Fischwirt Karsten. Typ Crocodile Dundee, nur ohne das Buschmesser. Einmal im Jahr wird gefischt. Nach dem Badewannenprinzip. „Stöpsel ziehen, Wasser ablassen, danach kann man den Fisch quasi mit der Hand aufheben“, lacht der promovierte Selbstversorger. Tag 10: Fraunhofer Hydrogen Lab Görlitz Es mag ein langer Weg aus Berlin und Dresden sein, aber noch weiter war der Weg zu diesem Termin. Der Bundeswirtschaftsminister und der Ministerpräsident haben einen Förderscheck in Höhe von 42 Millionen Euro im Gepäck. Es geht um das Projekt „Fraunhofer Hydrogen Lab Görlitz“ zur Errichtung eines Wasserstofflabors. Ein wichtiges Signal für den Siemens-Standort Görlitz und die Region. Tag 11: ENO Ich laufe auf ein, für Görlitzer Verhältnisse, relativ unscheinbares Gebäude zu. Ein typisches Bürogebäude, denke ich bei mir und trete in den großzügigen Eingangsbereich. Was dann passiert, nenne ich das „Görlitzer Phänomen“. Durch zwei Glastüren trete ich wie in eine Kathedrale, nein, in eine altehrwürdige Bibliothek. Durch die hohe Glaskuppel fällt Licht. Es ist einfach nur beeindruckend. Statt schmucklosem Büro stehe ich in dem ehemaligen Gebäude der Sparkasse aus dem 19. Jahrhundert. Ich denke mitleidig an mein schmuckloses, graues Büro in einem Stuttgarter Industriegebiet über dem Billig-Discounter mit Blick auf einen schmierigen Erotik-Laden. Das hier ist absolute Champions League, ein Sahne-Objekt. Tag 12: Wakeboarden Halbendorfer See „Ich habe früher Scheinwerfer verkauft“, offenbart mir Andre, der Chef von Wake & Beach am Halbendorfer See. „Nebenbei habe ich hier am See eine kleine Bar betrieben, die Idee mit der Wakeboard-Anlage gehabt, Investoren gesucht und dann einfach gemacht. Meinen ersten Kurs habe ich gegeben, da konnte ich Kurve 4 noch nicht mal selber fahren.“ Wieder so ein Macher. Menschen mit Visionen, die sie dann auch umsetzen, haben eine magische Energie. Unternehmertypen sind ein bisschen wie Kurve 4. Man weiß, es wird nicht leicht, aber mit Vertrauen, Mut, Können und etwas Glück kann alles gelingen. Tag 13: Die geheime Welt von Turisede mit Schlauchboottour auf der Neisse Der Tag beginnt um 9 Uhr mit einer Schlauchboottour auf der Neiße in Zentendorf. Wir sind zu fünft. Drei Erwachsene und zwei Kinder. Nachdem wir ihnen sämtliche „Warum-Fragen“ zu Boot, Wasser & Fauna beantwortet haben, kehrt vorerst Entspannung ein. Gerade als Langeweile aufkommen will, steuern wir auf einen „gewaltigen Abgrund“ zu. Die erste Stromschnelle des Tages. Wildes Gekreische und das obligatorische „Nochmal“ der Kinder. Es kommen ja noch weitere