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Zuhause im Unbezahlbarland

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Sonderzeitung des Landkreis Görlitz Erscheinungsdatum: April 2019

04 | Ina Lachmann und

04 | Ina Lachmann und Henry Hedrich Zuhause im Unbezahlbarland | April 2019 Zuhause im Unbezahlbarland | April 2019 Zuhause im Unbezahlbarland | April 2019 Dirk Schubert | 05 Foto: Paul Glaser Ina Lachmann und Henry Hedrich haben Ihren Traum verwirklicht und einen Ort zum Loslassen geschaffen Ich mag die Herausforderung Als die Grenzen auf waren und die Schule vorbei, da wollten Ina Lachmann und Henry Hedrich nur eins: reisen. Das Radeberger Mädchen und der Junge aus Pulsnitz träumten von der Welt, von exotischen Ländern und fremden Kontinenten. Mit einem Interrail-Ticket ging das Paar auf seine erste große Tour und fing sich gleich einen Virus ein. Fernweh hieß der. In Ina schlummerte der schon, seit der Opa aus der BRD immer mal wieder eine „Hörzu“ in’s Westpäckel gelegt hatte. Dass die bunten Tropenbilder mit den fröhlich tanzenden Eingeborenen nicht ganz der Wirklichkeit entsprachen, ahnte sie als Kind noch nicht. „Die letzten Schuljahre“, erinnert sich die elegante Hotelchefin bei einem Espresso mit Blick auf den bewegten Berzdorfer See „waren seltsam. Das ist nun über 20 Jahre her. Ganz viele unserer Lehrer waren weg. Das war eine harte Zeit.“ Wie viele andere hatten die beiden das Gefühl, nach dem merkwürdigen Vakuum erstmal zu sich selbst finden zu müssen. In München verdienten sie sich das Geld für den nächsten Trip zusammen. Für ein halbes Jahr wollten sie nach Afrika. Was sie dort, neben all der Exotik, an Armut und Elend sahen, gab ihnen den Impuls für ihren weiteren Weg. Ina schreibt sich nach der Rückkehr an der Leipziger Handelshochschule für internationale Betriebswirtschaftslehre ein, „um die Welt zu verbessern.“ Für Henry war aus dem gleichen Grund klar, dass er Arzt wird. Ehrgeizig ziehen sie ihr Studium durch und haben schon damals eine ganz bestimmte Idee. „Wenn es sehr anstrengend war, hat uns immer die Nähe von Wasser zur Ruhe gebracht. Wir hatten einen gemeinsamen Traum. Wir wollten eines Tages einen ganz besonderen Ort am Wasser schaffen.“ Ina steigt nach dem Studienabschluss als Trainee bei Bosch ein, arbeitet sich hoch bis zur Projektmanagerin. „Das ist mein Ding. Hochkomplexe Aufgaben mit knappen Ressourcen stemmen. Und sofort wieder etwas Neues auf dem Tisch zu haben. Ich mag Herausforderungen.“ Henry arbeitet als angestellter Internist in verschiedenen Kliniken. Im Rahmen einer Zusatzausbildung zum Gesundheitsökonom beschäftigt er sich mit wirtschaftlichen Zusammenhängen. Was sich für das Hotelprojekt später als sehr wertvoll erweisen wird. In den nächsten Jahren sehen sie sich in mehreren Ländern geeignete Plätze an Seen, an Flüssen, am Meer an, sprechen mit den Menschen vor Ort über ihre Idee. Und kommen doch für ihr Gefühl nicht wirklich richtig damit an. „Klar, der wirtschaftliche Effekt wurde schon wahrgenommen. Aber wir selbst sind mit dem kühlen Begriff Investor nie glücklich gewesen. Es war doch vielmehr ein Herzensprojekt.“ Dann wird die alte Heimat wieder zum Thema. Der Wunsch nach Kindern stärkt den Gedanken, sich in vertrautes Terrain zu begeben. Ina und Henry sehen sich Wassergrundstücke in ganz Deutschland an. „Im Westen hatten wir das Gefühl, dass alles schon fertig ist. Da brauchte uns niemand, da waren nur Baulücken zu füllen.“ Selbst Leipzig mit dem schon gut entwickelten Cospudener See bot zu wenig Gestaltungsfreiraum. Im Frühjahr 2008 stehen sie bei eisigen Temperaturen am Rand des riesigen Tagebaulochs vor den Toren von Görlitz. „Hier war noch nichts, hier war noch keine See-Seele, die andere geformt hätten. Wir haben gespürt, dass das der Platz ist, wo wir uns entfalten können.“ Auch die Nähe einer Stadt war beiden wichtig, mit Schulen, Kultur. Und mit Menschen, die einen guten Hausarzt brauchten. Im Görlitzer Rathaus stießen sie auf offene Ohren. „Ja, wir suchen Leute, die sich am See engagieren, macht mal los“, hieß es dort. „Wir haben uns sofort an den Businessplan gesetzt, die wirtschaftlich optimale Größe für ein Hotel nach unserer Vorstellung errechnet, Kosten kalkuliert.“ Anfangs machen das die beiden noch aus der Ferne. 2011 zieht die junge Familie dann in die Neißestadt. Henry Hedrich sucht gezielt nach einer Hausarztpraxis, in die er als Partner einsteigen kann. Ihn treibt der Wunsch, mehr Einfluss auf das Gesundheitsverhalten seiner Patienten nehmen zu können. Bei Ina Lachmann kündigt sich inzwischen das zweite Kind an. „Henry und unser Architekt Wolfgang Kück saßen in der Zeit Nacht für Nacht über den Plänen. Ich war mit den Kindern gut beschäftigt.“ Der Dank über das, was ihr Mann in diesen Monaten geleistet hat, ist ihr deutlich anzusehen. Es folgen zahlreiche Sitzungen mit dem Planungsverband und der LMBV als Grundstückseigner. „Es gab keine Vorbilder an dieser Stelle. Wir haben insgesamt mit 33 Ämtern verhandelt, für die war das auch Neuland. Das frisst Zeit.“ Ein Grundstück zu kaufen, das unter Bergbaurecht steht, sei „sehr speziell“ sagt Ina Lachmann. Ihr Blick lässt nur erahnen, was das bedeutet. Kaum eine Bank lasse sich auf so etwas ein. Mehr als einmal haben sie und ihr Mann gehört: „Und was ist, wenn da was in`s Rutschen kommt?“ Also sind die beiden vorfristig in die Kosten gegangen. Haben Planungen und Bodenuntersuchungen bezahlt, bevor der Kredit dann doch endlich kam. „Einen klassischen Investor schrecken solche unklaren Bedingungen ab. Der verhandelt nicht zwei Jahre lang in`s Blaue, dann ist er mitsamt seinem Geld längst woanders.“ Für die weitere Entwicklung am See sei das eine große Hürde. Insgesamt sind fünf lange und intensive Planungs-, und Genehmigungs-Jahre mit vielen Höhen und Tiefen vergangen, bis der erste Spatenstich gesetzt werden konnte. Als sie am 13. Juli 2018 ihr Hotel „Insel der Sinne“ mit zahlreichen begeisterten Gästen eröffnen, sind all die Zweifler vergessen, die während der Bauphase geunkt hatten, dass das nichts werden kann. Auch die Kritik, dass genau hier jetzt nicht mehr jedermann baden gehen könne, ist angesichts der 17 Kilometer langen Uferlinie verstummt. 45 Mitarbeiter sorgen im Hotel für das Wohl der Gäste. Die Köche könnten, wenn sie Zeit hätten, aus einem Panoramafenster die Segelboote vorbeiziehen sehen. Im Internet reiht sich eine gute Bewertung an die andere. Das schönste Kompliment aber, so meint Ina Lachmann abschließend, kam von einer älteren Dame „Wir hatten allen im Landkreis Görlitz Wohnenden angeboten, für die Hälfte des Preises bei uns zu übernachten. 140 Gäste haben das im Aktionszeitraum von zwei Wochen angenommen.“ Die alte Dame war auch dabei und sagte beim Abschied: „Ich war eine von denen, die rumgemeckert hat, warum so ein hässlicher Betonklotz an den See gebaut wird. Jetzt bin ich so stolz und dankbar, dass es Sie gibt.“ Aus dem „Betonklotz“ der Rohbauphase ist ein Gebäude geworden, das sich durch seine Holzverkleidung auf eine feine Art zurücknimmt, das sich in die Natur einpasst und seinen Gästen einen weiten Blick über den See gewährt. Die hellen Räume strahlen Ruhe aus, nichts lenkt den Blick von Naturfarben und Naturmaterialien ab. Es ist tatsächlich ein Ort zum Loslassen und bei sich Ankommen geworden. So wie es Ina und Henry auf Ihren Reisen erträumt haben. Nachtrag: als der Bericht bereits geschrieben war, kam eine lange Mail von Ina Lachmann, in der sie darauf hinwies, wie einmalig sie es fände, dass nahezu alle Dienstleistungen, vom Architekt über sämtliche Baufirmen, Planer und Statiker bis zum Gärtner und der Designerin des Hotellogos aus der Region kämen. Das sollten wir doch unbedingt noch mit reinpacken. Gerne, Frau Lachmann. Text: Axel Krüger Foto: Paul Glaser Mit Mit hartem hartem Schnitt Schnitt Dirk Schubert schätzt Präzision. Für den Chef eines Metallbaubetriebes nicht weiter verwunderlich. Wenn die Kohlestaubbrenner, die in der Markersdorfer Werkshalle säuberlich nebeneinander stehend auf den Abtransport in die Türkei warten, nicht mit höchster Präzision gefertigt würden, hätte der Kunde beim Einbau ein Problem. Und dann ganz schnell auch Metallbau Schubert. Mit leicht wehmütigem Blick guckt Schubert beim Werksrundgang mit dem Fotografen auf die gigantischen Brenner. Es sind wahrscheinlich die letzten ihrer Art, die seine Firma an einen europäischen Abnehmer liefert. Für eines der letzten Kohlekraftwerke, die in Europa noch in Betrieb gehen. Dann ist Schluss mit dieser Technologie. Viel Zeit für Wehmut lässt sich der 38-Jährige nicht. Dafür liegen zu viel Aufgaben vor ihm und den knapp 150 Mitarbeitern. Aufgaben, denen er sich gemeinsam mit seiner zwei Jahre älteren Schwester in der Geschäftsführung gerne stellt. Natürlich hätten sie beide weggehen können nach dem Studium. Irgendwo in den Westen. Aber sie wollten nicht. Schon als er elf Jahre alt war, sagt Dirk Schubert, sei für ihn klar gewesen, dass er eines Tages in die vom Vater Reiner Schubert als Handwerksbetrieb gegründete Firma einsteigt. Die absehbare Belastung schreckte ihn und seine Schwester Kerstin nicht. „Trotz aller Arbeit war unser Vater immer für uns da, wenn wir ihn gebraucht haben.“ Aber sie seien beide auch nicht gedrängt worden. „Vater hat immer gesagt, wenn wir zu ihm kommen, muss das völlig freiwillig sein. Er wusste, was er von uns verlangen würde und dass der Name Schubert allein ganz sicher keine Sonderrechte bringen würde. Ganz im Gegenteil.“ Nach dem Stahl- und Metallbaustudium ging Dirk Schubert erst einmal für knapp ein halbes Jahre nach Halle „um meine Anfängerfehler woanders zu machen“. Weitere neuen Monate arbeitete er bei der Firma Schüco im Projektbüro in England, um den Blick für internationale Aufgaben zu schärfen. 2007 dann der Einstieg in Markersdorf, als Bereichsleiter Metallbau. „Das Rollenverständnis innerhalb der Familie war klar. Das letzte Wort hatte unser Vater. Immer.“ Und die altgedienten Kollegen, sind die dem Junior am Anfang nicht misstrauisch entgegengetreten? „Die Leute merken schon, ob man Hierbleiben und Verantwortung übernehmen: Dirk Schubert hat gemeinsam mit seiner Schwester den Staffelstab übernommen was kann oder nicht. Und außerdem: Wer die Hitze nicht verträgt, hat in der Küche nichts zu suchen.“ Als sie 2011 den Übergang planen, hatten sie die Illusion, dass man das gleitend gestalten kann. „Wir haben uns dann nach vielen Beratungen für einen harten Schnitt entschieden. Das war wohl auch besser so.“ Im Sommer 2017 verkündet Reiner Schubert, dass er zum Ende des Jahres die Geschäftsführung abgeben und den Betrieb verlassen wird. Die Belegschaft nimmt das zur Kenntnis. „Ich glaube, unser Vater war fast enttäuscht, dass keiner der Mitarbeiter überrascht war.“ Familiär sei ein Unternehmensübergang eine Riesenbelastung, gibt Dirk Schubert unumwunden zu. „Es ist leichter, eine Firma an einen fremden Dritten zu verkaufen.“ Das wäre aber für sie nie in Frage gekommen. „Wir leben hier im ländlichen Raum. Wenn die Firma wackelt, spüren wir das ganz persönlich bei jedem Gang zum Bäcker und zum Fleischer. Bei allen unterschiedlichen Meinungen war immer eins klar: Die Arbeitsplätze der Kollegen waren wichtiger.“ Führen die beiden denn heute anders, als die Mitarbeiter es vom Vater gewohnt waren? „Ich glaube, wir können besser loslassen. Wir lassen mehr Freiräume zu. Das ist für die, die mitdenken und sich aktiv einbringen gut. Diejenigen, die immer nur auf Vorgaben warten und sich verstecken, fallen schnell auf.“ Als klaren Vorteil eines Mittelständlers sieht Schubert die Möglichkeit, flexibel auf Nöte der Mitarbeiter reagieren zu können. „Das geht in einem streng durchstrukturierten Großbetrieb, wo der einzelne nur noch eine Kennzahl ist, kaum.“ Und wie sieht es mit dem Nachwuchs aus? Das sei wirklich ein Problem geworden. Das Handwerk habe ein Imageproblem und das zu spät realisiert. Viele junge Leute wollten sich nicht mehr die Hände schmutzig machen und hätten die Vorstellung, schnell viel Geld verdienen zu können. „Wie ihre Vorbilder auf YouTube.“ Aktuell bildet Metallbau Schubert zwei junge Afghanen, die mit dem Status „unbegleitete Minderjährige“ nach Deutschland kamen und mittlerweile unter dem Status „Gestattung“ in Deutschland leben, zur Fachkraft für Metalltechnik und Konstruktionsmechaniker aus. Reza Azimi und Abdul Hossein Rahimi. „Klasse Jungs“, lobt Chef Schubert. „Nach ganz kurzer Anlaufzeit seien die beiden echte Volltreffer. „Sie bemühen sich selbständig um Integration, lernen intensiv Deutsch. Einer kam sogar zur Weihnachtsfeier, um zu verstehen, was uns das bedeutet.“ Als respektvoll, zuverlässig und sehr dankbar beschreibt der Diplom-Ingenieur die beiden Auszubildenden. Und kann seinen Ärger kaum zurückhalten, wenn er daran denkt, dass sie mit dem Ende der Ausbildung möglicherweise sofort abgeschoben werden. „Es wäre für alle ein Gewinn, wenn garantiert würde, dass sie danach wenigstens noch drei Jahre bleiben und arbeiten dürften. Dann sind sie gute Facharbeiter und könnten, wenn sie zurück geschickt werden, in ihrer Heimat viel mehr bewirken.“ Was wünscht sich Dirk Schubert für die Region? „Nicht der Großindustrie nachrennen. Wenn die Konzerne es für richtig halten, schließen sie ein Werk, ohne mit der Wimper zu zucken. Keine Milliardenhilfen mit der Gießkanne verteilen. Bessere Verbindungen auf der Straße und im Netz. Gescheite Kinderbetreuung, die auch was kosten darf. Da wissen meine Frau und ich aus eigener leidvoller Erfahrung, woran es hapert.“ Da war sie wieder, die Schubertsche Präzision. Drumherum reden ist nicht so seins. Aber er will nicht nur mit Forderungen enden. „Von München aus brauchen Sie auch eine Stunde, bis Sie auf der Skipiste stehen. Wie hier. Wir haben hier die tollsten Städte wie Prag, Breslau, Dresden, Liberec und Berlin vor der Haustür. Wir leben hier wirklich nicht am Ende der Welt.“ Text: Axel Krüger

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